Es gibt eine Frage, die ich in diesem Blog schon einmal gestellt habe und die mich nicht loslässt: Streng dich an, damit – ja, was eigentlich? Wir optimieren Portfolios, Karrieren, Steuerstrukturen. Wir rechnen Barwerte, vergleichen Opportunitätskosten, schieben Zuflüsse in günstige Jahre. Und irgendwann, meist abends, wenn die Tabellen zu sind, meldet sich leise die Frage nach dem Nenner der ganzen Rechnung: Wofür ist das alles der Zähler?
Drei sehr unterschiedliche Antworten darauf kommen von drei sehr unterschiedlichen Orten: aus dem China der Gegenwart, aus einer Anekdote, die man sich seit Jahrzehnten erzählt, und aus dem Athen der Antike. Sie erzählen, wie ich finde, dieselbe Geschichte.
Tang Ping – die Rendite des Hinlegens
Tang Ping (躺平, wörtlich: „flach liegen“) wurde vor einigen Jahren in China zum Phänomen. Junge Menschen, aufgewachsen im Versprechen, dass harte Arbeit zu Wohlstand führt, zogen die Bilanz ihrer Generation: 996-Arbeitswochen (9 Uhr bis 21 Uhr, sechs Tage), unbezahlbare Wohnungen, ein Statuswettlauf ohne Ziellinie. Ihre Antwort war keine Revolution, sondern etwas viel Subversiveres – sie hörten auf mitzuspielen. Kein Karrierestreben, kein Konsumwettrüsten, keine Überstunden für eine Beförderung, die nur die nächste Tretmühle finanziert. Flach liegen.
Man kann das als Resignation lesen. Ich lese es als etwas anderes: als nüchterne Portfolioentscheidung. Wenn die erwartete Rendite des Spiels gegen null geht, während der Einsatz – Lebenszeit, Gesundheit, Beziehungen – maximal ist, dann ist der Ausstieg keine Schwäche. Er ist die einzige rationale Position. Tang Ping ist ein Streik gegen ein Spiel mit negativem Erwartungswert.
Der Fischer und der Geschäftsmann
Die zweite Antwort ist älter und kommt als Anekdote daher, die in vielen Varianten kursiert (die bekannteste stammt sinngemäß von Heinrich Böll). Ich erzähle sie hier in meinen Worten:
Ein Fischer döst mittags in seinem Boot. Ein Geschäftsmann, empört über so viel ungenutztes Potenzial, rechnet ihm vor, was möglich wäre: öfter rausfahren, mehr fangen, ein zweites Boot kaufen, dann eine Flotte, dann eine Fabrik, dann ein Handelsimperium. Der Fischer fragt, wozu. „Dann“, sagt der Geschäftsmann triumphierend, „könnten Sie sich zur Ruhe setzen und in der Sonne sitzen und aufs Meer schauen.“ Der Fischer blinzelt: „Aber genau das tue ich doch gerade.“
Als Investor muss ich zugeben: Die Pointe ist ein Barwertvergleich. Der Geschäftsmann bietet dem Fischer in dreißig Jahren genau das an, was dieser heute schon besitzt – abgezinst mit einem Leben voller Mühe. Jeder, der schon einmal eine Discounted-Cashflow-Rechnung gemacht hat, weiß, wie dieser Trade ausgeht. Und trotzdem schließen wir ihn ab, täglich, weil der Geschäftsmann in uns lauter spricht als der Fischer.
Diogenes – geh mir aus der Sonne
Die dritte Antwort ist die radikalste, und sie ist über zweitausend Jahre alt. Diogenes von Sinope lebte in Athen in einer Tonne, besaß fast nichts und hielt das für Reichtum: Wer nichts braucht, dem kann nichts fehlen. Als Alexander der Große – der mächtigste Mann der Welt, der Geschäftsmann aller Geschäftsmänner – vor ihn trat und ihm anbot, ihm jeden Wunsch zu erfüllen, soll Diogenes geantwortet haben: „Geh mir ein wenig aus der Sonne.“
Man kann lange über diesen Satz nachdenken. Der Mann, der alles geben kann, hat dem Mann, der nichts braucht, nichts zu bieten – im Gegenteil, er steht ihm buchstäblich im Licht. Alexander soll später gesagt haben: Wäre er nicht Alexander, wollte er Diogenes sein. Der Umkehrsatz ist nicht überliefert. Diogenes wollte niemals Alexander sein.
Dieselbe Geschichte, dreimal erzählt
Tang Ping, der Fischer, Diogenes – drei Epochen, drei Kulturen, eine Einsicht: Es gibt einen Punkt, an dem mehr Anstrengung nichts mehr kauft, was man nicht schon hat oder haben könnte. Die chinesische Jugend rechnet ihn kollektiv aus, der Fischer kennt ihn intuitiv, Diogenes hat ihn zum Lebensprinzip gemacht.
Und hier muss ich ehrlich sein, gegen mich selbst: Ich bin der Geschäftsmann in der Geschichte, nicht der Fischer. Ich optimiere gern. Ich baue gern. Die steile Lernkurve, das Rechnen, das System – das ist für mich kein Mittel zum Zweck, es macht mir Freude. Deshalb ist meine Lesart dieser drei Geschichten auch nicht „hör auf zu arbeiten“. Der Fischer liegt ja nicht faul herum – er fischt, was er braucht, und hört dann auf. Diogenes war alles andere als tatenlos; er hat gedacht, gelehrt, provoziert wie kaum ein Zweiter. Selbst Tang Ping heißt nicht Nichtstun, sondern: nicht mehr für ein Versprechen rennen, das nie eingelöst wird.
Die eigentliche Lehre ist eine andere, und sie ist unbequemer als jeder Aussteiger-Kitsch: Kenne den Punkt, an dem es genug ist – und zwar bevor du ihn erreichst, nicht danach. Der Geschäftsmann in der Anekdote hat keinen solchen Punkt. Seine Rechnung hat kein Abbruchkriterium, sein Wachstum kein Wofür. Genau das ist sein Fehler – nicht der Fleiß, sondern die fehlende Zielfunktion. Ein Optimierer ohne Zielfunktion optimiert ins Leere.
Im Depot würde ich das niemals durchgehen lassen. Jede Strategie hier im Blog hat Regeln, ein Kriterium, ein definiertes Ziel. Nur beim eigenen Leben lassen wir es zu, dass die Strategie lautet: mehr. Mehr, und dann sehen wir weiter.
Vielleicht ist das die nützlichste Übung, die man aus diesen drei Geschichten mitnehmen kann – und sie dauert nur einen Abend mit Zettel und Stift: Schreib auf, wie dein Dienstag aussehen soll, wenn alles „erreicht“ ist. Nicht die Vermögenszahl – der Dienstag. Was tust du morgens, mittags, abends? Und dann prüfe ehrlich, wie viel von diesem Dienstag du dir schon heute leisten könntest, ohne ein zweites Boot, eine Flotte und eine Fabrik dazwischenzuschalten.
