Die Rendite der Sinnlosigkeit

Wir haben es so gelernt. Von der ersten Klasse an wurde uns ein unsichtbares Skript überreicht: Streng dich an, damit die Noten gut sind. Lern Mathe, damit du studieren kannst. Studiere Ingenieurwesen, damit du einen sicheren Job hast. Arbeite hart, damit du… ja, was eigentlich? Noch mehr arbeiten kannst?

Das ist instrumentelle Lebensführung. Zeit als Währung, die man investiert, um Rendite zu bekommen. Das Gehirn darf nie im Jetzt sein – es muss immer schon beim Ergebnis in der Zukunft sein.

Wenn sogar die Freizeit zum Job wird

Das Problem sitzt tief. Selbst wenn wir abschalten wollen, bleibt der Verwertungsmodus aktiv:

  • Sport, um fit zu sein.
  • Sprachen lernen, um sich austauschen zu können.
  • Laufen, um einen Volkslauf zu finishen.
  • Fotografieren, um ein vorzeigbares Bild zu haben.

Alles muss einen Zweck erfüllen. Wenn eine Tätigkeit kein messbares Ergebnis abwirft, fühlt sie sich an wie eine Sackgasse. Wie Finnisch lernen, wenn man nie nach Finnland will.

Fünf Experimente in Zweckfreiheit

Gerade für High Achiever ist der Ausbruch aus diesem Hamsterrad überlebenswichtig. Die Lösung: Hobbys, die absichtlich keinen Output haben – oder bei denen die Zerstörung des Ergebnisses Teil des Prozesses ist.

1. Das Ephemere

Domino-Steine: Stundenlang aufbauen, um sie in Sekunden fallen zu sehen. Sandmandalas am Strand, die die nächste Flut auslöscht. Solo-Gourmet-Kochen: Drei Stunden Aufwand für ein Gericht, das in 15 Minuten gegessen ist.

2. Das Nerdige ohne Marktwert

Pen & Paper: Stundenlang als Elf in einer Fantasiewelt agieren. Keine Punkte für die echte Welt. Miniaturen bemalen: Sich in Details verlieren, die so klein sind, dass sie niemandem auffallen. Astronomie: In Sterne schauen, die man nicht beeinflussen, nicht besitzen kann.

3. Der Flaneur

Die Antithese zum Lauftraining. Aus dem Haus – ohne Handy, ohne Smartwatch, ohne Ziel. Links abbiegen, wenn die Ampel grün ist. Stehenbleiben, wenn du einen Käfer siehst. Die verbrannten Kalorien sind nur ein ungewolltes Nebenprodukt.

4. Absurdes Sammeln

Kronkorken, kuriose Steine, Zuckerpäckchen aus Cafés. Im Gegensatz zu Briefmarken gibt es hier keine Rendite. Eine rein private, völlig nutzlose Leidenschaft.

5. Low-Fi Handwerk

Ein Stück Holz nehmen und es dünner machen. Vielleicht wird es ein Löffel, vielleicht bleibt es ein Stock. Es geht um das Gefühl des Holzes, nicht um die Qualität des Bestecks. Analog fotografieren – und die Bilder nirgendwo posten.

Der innere Kritiker

Warum fällt das so schwer? Weil unser Gehirn auf Dopamin durch Zielerreichung programmiert ist. Sobald du etwas „Sinnloses“ tust, meldet sich der Kritiker: Das ist Zeitverschwendung! Du könntest Thermodynamik lernen!

Der Trick: Das System überlisten. Sobald du merkst, dass du anfängst, „gut“ werden zu wollen, um damit anzugeben – aufhören und was anderes machen.

Wir müssen uns Räume zurückerobern, in denen es keinen Fortschrittsbalken gibt. Denn wenn alles einen Zweck haben muss, wird das ganze Leben zur Arbeit.

Die ultimative Freiheit ist, etwas machen zu dürfen, worin man richtig schlecht ist – und worin man auch nicht besser werden muss.